Theater für die Generation, die nichts mehr wollte

ZUM ARTIKEL: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0926/feuilleton/0013/index.html
DOWNLOAD (300 dpi)
Außerparlamentarische Opposition heute: das Zentrum für Politische Schönheit und sein Beitrag zum Bundestagswahlkampf
Anne Lena Mösken

Foto: Bomben-Attrappen statt Parteifähnchen: Das ZPS demonstriert lieber gegen die Untätigkeit der UN in Srebrenica.
Ihre Gesichter sind verrußt, die Blicke in die Ferne gerichtet. Sie sprechen mit festen Stimmen in Megafone und fordern die Rückkehr der Schönheit in die Politik. „Wir wühlen in den verbrannten Hoffnungen Deutschlands“, sagt Philipp Ruch, Kopf des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS).
Ruch, 28, und seine Kollegen sind Teil von etwas, das man die Außerparlamentarische Opposition 2.0 nennen könnte: In Mainz unterbrach ein Flashmob Anfang der Woche eine Wahlkampfrede Angela Merkels mit einstimmigen „Yeah“-Rufen nach jedem Satz, eine Person in pinkfarbenem Hasenkostüm fiel Justizministerin Brigitte Zypries auf dem Fest zu „60 Jahren Grundgesetz“ um den Hals, Mitglieder der „Kunstgruppe Gottlieb“ tauchten wortlos in Supermärkten oder vor dem Olympiastadion auf, rollten ein Transparent mit der Aufschrift „Widerstand“ aus, um dann wenig später wieder zu verschwinden.
Die APO des 21. Jahrhunderts, so scheint es, wird von den Künstlern übernommen. Ihre Aktionen verbreiten sich rasend schnell über YouTube und soziale Netzwerke und verschaffen den Akteuren eine Öffentlichkeit, die es so vor vierzig Jahren nie hätte geben können. Und während vieles auf den ersten Blick nach bloßem Klamauk aussieht – das ZPS zumindest will mehr. „Unser Ziel ist Agenda-Setting,“ sagt Ruch. „Mit den Wahlkampfthemen gelingt es den Politikern einfach nicht, in den Menschen etwas zu wecken.“ Dass wenige Tage vor der Wahl Umfragen zeigten, dass die Hälfte der Wahlberechtigten nicht weiß, wie sie sich am Sonntag entscheiden soll, bestätigt ihn.
Politikverdrossenheit ist für das ZPS eigentlich eine Politikerverdrossenheit. In der gegenwärtigen Politik, sagt Ruch, fehle ihm der Glanz. Er lächelt, hat ein ironisches Blitzen in den Augen, das dennoch nicht verhehlt: Er meint es ernst. Denn wenn er als ein Beispiel für das, was er unter politischer Schönheit versteht, Brandts Kniefall zitiert, ihn einen Akt „voller politischer Demut“ nennt, ahnt man, was er meint. „Schönheit verstehe ich als das Gute, das Richtige“, sagt Ruch. „Wofür werden wir stehen, wenn man am Ende des 21. Jahrhunderts auf unsere Zeit blickt? Womit werden wir in die Geschichtsbücher eingehen?“ Ruch hebt die Augenbrauen. „Mit der Abwrackprämie? Mit Mindestlöhnen?“ Wenn es so weiter gehe, wohl am ehesten als die Generation, die nichts mehr wollte.
Ruch studierte Politische Theorie bei Herfried Münkler an der Humboldt-Universität und arbeitete im Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Schon länger, sagt er, habe es in ihm gegärt, wenn er die aktuellen Politikdebatten in Deutschland beobachte. Politische Aktionskunst schien ihm die einzige Chance, Einfluss zu nehmen. Ruch hat früher bereits Filme gedreht. Und Politik sei schließlich auch immer Inszenierung. Ruch stellt die Frage: „Wer ist der bessere Regisseur?“ Also gründete er das Zentrum für politische Schönheit, engagierte eine Hand voll Schauspieler und startete die erste Aktion am 8. Mai, dem Jahrestag der Befreiung 1945. Auf einem Pferd ritten sie zum Reichstag, um dort ihre zehn Thesen anzuschlagen, von denen eine lautet: „Hoffnungen sind nicht dazu da, aufgegeben zu werden.“
Die „Re-Formation“ der Geschichte, das war Ruchs Gedanke dahinter – poetisch und symboltriefend. Das ZPS spielt mit der Ideengeschichte und kodiert politische Orte um. „Die Aktion zeigt die moderne Vergeblichkeit. Du kannst heute nicht einmal mehr Thesen anschlagen, weil alles aus Glas und Stahl ist“, sagt Ruch, „du scheiterst.“
Rund 100 Anhänger habe der „Think Tank“ des ZPS mittlerweile neben dem Kernteam aus 12 Leuten. Doch das Agenda-Setting will bisher noch nicht so richtig klappen. Zwar erarbeitete sich das ZPS unter anderem die Unterstützung der Bosnischen Botschaft und von Intellektuellen wie Juli Zeh mit einem Offenen Brief an die EU gegen den geplanten Visumzwang in Bosnien. Ein Theaterstück, in dem das ZPS die UN-Sitzung in der Nacht des Srebrenica-Massakers 1995 nachspielte, um zu zeigen, wie die westlichen Regierungen angesichts eines Genozids auch 40 Jahre nach Auschwitz scheiterten, zog vor dem Reichstag ein Publikum von rund 1000 Leuten an. Doch in den Medien landeten sie mit anderen Aktionen: etwa, als sie eine Strafanzeige bekamen, weil sie das expressionistische Gedicht „An die Schönheit“ von Ernst Stadler vor dem Reichstag verlasen; und als sie Anfang August Merkel und Steinmeier bei Ebay auf den Philippinen versteigerten, „Zustand gebraucht, visionslos, antriebslos und uninspirierend“. Bis auf 3030 philippinische Pesos, umgerechnet 50 Euro, kletterten die Gebote, dann wurde das Angebot aus bis heute ungeklärten Gründen nach nur 24 Stunden aus dem Netz genommen. Jetzt ist das ZPS also die Gruppe, die Politiker bei Ebay versteigert, und ob das als mehr als nur eine Spaßaktion wahrgenommen wurde, nämlich als „ein Zeichen gegen inspirationslosen Wahlkampf“, wie Ruch erklärt, ist eher fraglich.
Aber Ruch hat Zeit. 20 Jahre, sagt er, werde es dauern, bis seine Ideen das Denken der Menschen ändern könnten. „Als drittmächtigstes Land der Erde könnten wir viel ausrichten“, sagt Ruch. „Menschen leiden an Hunger und wir sind zu fixiert auf uns selbst um das zu ändern.“ Also kämpft er weiter, malt sich und den anderen ZPSlern Kohle ins Gesicht und schreibt Theaterstücke mit düsteren Zukunftsvisionen, in denen der afrikanische Kontinent in einem Krieg mit Millionen von Opfern versinkt und Europa vor der Wahl steht: Was tun?
Theater, sagt Ruch, sei die beste Möglichkeit zu zeigen, was politische Schönheit ist. Am Sonnabend um 20 Uhr plant das ZPS daher eine letzte Performance: „Die Überläufer“ heißt sie; Schauspieler Max Woelky, der ein bisschen aussieht wie James Dean und gerade für Oskar Roehlers neuen Kinofilm vor der Kamera stand, wird den Bundeskanzler im Jahr 2032 geben. Und aus der Strafanzeige wegen der Gedichtrezitation vor dem Reichstag hat Ruch auch gelernt, dass eine Kunstaktion eine Versammlung ist, die bei der Versammlungsbehörde angemeldet werden muss. Das hat er nun also für die Aktion am Brunnen der Völkerfreundschaft auf dem Alexanderplatz gemacht, das nötige Formular ausgefüllt und die Genehmigung bekommen. In das Feld „Versammlungsthema“ schrieb Ruch: „Erinnerung, dass es wichtigere Wahlkampfthemen hätte geben sollen als Steuern und Opel.“
——————————
„Hoffnungen sind nicht dazu da, aufgegeben zu werden.“ Philipp Ruch, Zentrum für Politische Schönheit
Sehnsucht nach dem guten Leben
![]()
LINK zum Artikel: http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/?dig=2009%2F09%2F09%2Fa0159&cHash=134870952c
POLITKUNST Das Zentrum für politische Schönheit will mit Kunst die Welt retten. Neustes Projekt der Gruppe ist die Verlesung von Hoffnungen vor dem Kanzleramt. Das Motto des Initiators: „Hallo, hilf mal deinem Land“
VON FRAUKE ADESIYAN
Der Wahlkampf lahmt, die Republik verfällt in Lethargie. Doch es gibt neue Hoffnung auf Heilung: Poesie und Schönheit, Größe und der Mut zum Geschichte-Schreiben sind die Rettung, so die Kernaussage vom „Zentrum für politische Schönheit“ (ZPS), einer Berliner Gruppe von Aktionskünstlern. In den vergangenen Monaten sind sie mit einem Pferd vor den Bundestag geritten und haben Thesen angenagelt, sie wurden wegen der Lesung eines expressionistischen Gedichts zur Bundespräsidentenwahl festgenommen und haben Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier bei Ebay zum Kauf angeboten. Am Donnerstag werden sie in einem „Forum der verlorenen Hoffnungen“ vor dem Kanzleramt eine Rampe aus Wahlprogrammen aufbauen und der Bundeskanzlerin stundenlang die Wünsche ihrer Bürger vorlesen.
Anzeige
Initiator des Ganzen ist Philipp Ruch. Ein hoch gewachsener, sehr schmaler Mann, der zum Treffpunkt in der Kastanienallee mit einem cremefarbenen Hollandrad heranrollt. Beim Setzen schiebt sich der 28-Jährige beiläufig ein ergonomisch geformtes Kissen zwischen Rücken und kippligen Klappstuhl. Ohne Bestellung steht innerhalb kürzester Zeit ein Latte macchiato vor ihm auf dem Tisch – man kennt Ruch. Und doch scheint er fremd in der vermeintlichen Szenekneipe.
Zwischen all den betont Entspannten und Individuellen gibt er ohne Umschweife den Idealisten. Im ZPS ist er damit unter seinesgleichen, all die Aktionen dienen der Weltverbesserung. Sehnsuchtsbildung ist das erste erklärte Ziel der Gruppe. Wo Politiker an der Meinungsbildung scheitern, müssen die Menschen zunächst aus der Lethargie befreit werden. „Da sehe ich die Künstler in der Pflicht. Sie müssen einspringen, wo die Politik versagt.“ Ruch nennt das einen patriotischen Akt; er fordert Schriftsteller, bildende Künstler und andere Kreative auf: „Hallo, hilf mal deinem Land.“ In seinem Tonfall schwingt bei solchen Äußerungen keine Ironie mit, Ruch ist es ernst.
Die Krise verlangt nach Vorbildern und Helden, die Politik muss wieder vom Großen und Schönen bestimmt werden, so die Überzeugung der Aktivisten vom ZPS. Das fehle in Deutschland gänzlich, der sehnsuchtsvolle Blick geht direkt ins Obama-Land USA. Weil ihm „Führerschaft“ dann doch etwas schwer über die Lippen kommt, redet Ruch von Leadership und Strahlkraft, von einfachen Themen und der Kunst, den richtigen Ton zu treffen. All das brauche die deutsche Politik, vor allem in der Krise.
Große Visionen und Lebensziele sind Ruch persönlich nicht fremd. Während die Sehnsüchte seiner Generation um Karriere, Weltreise und Familie kreisen, ist es sein erklärtes Ziel, Genozide zu verhindern. Nachdem er dafür nahe liegende Wege wie Entwicklungshilfe, Politik oder Wissenschaft ausgeschlossen hat, lautet die Strategie Aktionskunst. Für sein Alter hat Ruch schon erstaunlich viele Lebensentwürfe hinter sich. Er hat Kinofilme vermarktet, politische Theorie studiert und Experimentalfilme gedreht. Auch bei den etablierten Parteien hat er es versucht. „Ich habe gefragt: Wo wird denn hier bei euch rumgesponnen, wo werden die großen Ideen rausgehauen?“ Eine befriedigende Antwort bekam er nicht. Auch die Wissenschaft enttäuschte den angehenden Doktoranden. Ruch braucht die Wirkung, unmittelbar und am liebsten herzzerreißend. Wenn Kriegswaisen von ihren Träumen erzählen, wenn ein Berg von Schuhen an die Opfer von Srebrenica erinnert – das rüttle die Menschen auf, das könne Mentalitäten ändern, glaubt er.
Groß denken – das ist nicht nur Ruchs Forderung, das entspricht auch seiner eigenen Herangehensweise. Abwrackprämie und Opel-Krise, Arbeitslosigkeit und andere Themen der realen deutschen Politik findet er überbewertet. Der Polit-Künstler bleibt nicht gern auf die Region beschränkt und schon gar nicht auf kurzfristige Aktionen. Am liebsten will er unerwähnt lassen, dass das Zentrum erst seit einigen Monaten existiert. Er denkt lieber in Epochen und auch hier zeigt er wenig Optimismus. Genozide vor allem in Afrika werden die Weltgeschichte des 21. Jahrhunderts bestimmen, da ist sich Ruch sicher.
Er redet mit Experten aus der Region und ruft im Kanzleramt an, um zu warnen, doch niemand hört ihm zu. „Mir graut vor dem historischen Urteil über unsere Zeit“, sagt er. Kein Augenzwinkern, kein schiefes Lächeln schwächt diesen Satz ab. Wenn zukünftige Generationen fragen, was wurde zu Anfang unseres Jahrhunderts getan, um das Unglück zu verhindern, möchte er Teil der Antwort sein. Dafür schlägt das „Zentrum für politische Schönheit“ kurzfristig aufblasbare Rettungsinseln für afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer vor, langfristig ist eine Brücke geplant. „Wenn dann in den Geschichtsbüchern steht, der Westen hat etwas verstanden, bin ich schon zufrieden“, sagt Ruch dazu ganz unbescheiden.
Damit ist auch das zweite Ziel nach der Sehnsuchtsbildung erklärt: die Rettung von Menschenleben. Insgesamt hat sich das Zentrum zehn Punkte vorgenommen, die es in den kommenden vier Jahren auf die politische Agenda bringen will. Doch darüber reden wollen die Künstler erst nach und nach. Vielleicht würde es ansonsten sogar für die schamlosen Weltverbesserer zu pathetisch.
Und so konzentriert sich Ruch auf die Veranstaltung am Donnerstag. Hunderte Kreative und Institutionen hat er angeschrieben und aufgefordert, verschüttete politische Hoffnungen auszugraben. „Eine halbe Stunde nachdenken am Küchentisch“, mehr verlange er nicht. Nun sollen die Angeschriebenen abliefern. Ab 20 Uhr werden die Hoffnungen von Schauspielern vor dem Kanzleramt verlesen oder vorgespielt. Mit dem Megafon wird so lange in Richtung von Merkels Büro geschrien, bis jemand den Künstlern die in Marmeladengläsern konservierten Hoffnungen abnimmt.
Das Forum der verlorenen Hoffnungen am Donnerstag ab 20 Uhr vor dem Kanzleramt
Dialog im Dunkeln
![]()
Vor dem Bundeskanzleramt demonstrieren Aktivisten des „Zentrums für politische Schönheit“

VON THORE SCHRÖDER
Sie stehen auf einem Haufen Parteiprogrammen. Aber die Inhalte von CDU und SPD dienen ihnen nur als Bühne. Mit der Politik der etablierten Parteien wollen die Aktivisten des Berliner Zentrums für politische Schönheit (ZPS) nichts zu tun haben. Deswegen tragen sie am Donnerstagabend vor dem Bundeskanzleramt ihre eigenen Hoffnungen vor, mit einem Megafon und im Schein einer Taschenlampe. „Alle Menschen sollen friedlich miteinander leben“ oder „Wir dürfen nicht bloß das Bestehende verwalten, wir müssen wieder eigene Ideen entwickeln“.
„Wir wollen die Ohnmacht auffangen, dass zwischen den Parteien nur Streit herrscht, dass sie mit dem Volk nicht in einen Dialog treten“, erklärt die blonde Stefanie Talaska. Sie ist 24 Jahre alt und arbeitet tagsüber für eine Berliner Agentur als Markenberaterin und strategische Planerin. Die Aktion „Forum der verlorenen Hoffnungen“ war ihre Idee und entstand durch ihre Organisation.
Der Kopf und Gründer des ZPS aber ist ein blonder, großgewachsener Mann. Philipp Ruch ist 28 Jahre alt und Politikwissenschaftler. Die Idee für das Zentrum kam ihm beim Theater. Auch Filme hat er schon gedreht. „Ich wollte, dass Kunst Politik berät“, erklärt er seine Motivation. Beim ZPS trägt er den Titel „Chefunterhändler der Schönheit“ und bei den oftmals dadatenden Aktionen steht er meistens im Zentrum. Am Jahrestag der Kapitulation Hitler-Deutschlands ritt er auf einem dunklen Pferd vor den Reichstag und nagelte zehn Thesen an eines der Portale. Darunter die Sätze „In jedem Menschen steckt eine tiefreichende Sehnsucht nach dem Schönen“ und „Hoffnungen sind nicht dazu da, aufgegeben zu werden“. Ein anderes Mal demonstrierte er mit Bomben-Attrappen für das Gedenken an die Opfer von Srebrenica. Zuletzt wollte er Horst Köhler mit Kohlebricketts beliefern.
Mit der schwarzen Asche der Kohle bemalen die Künstler des ZPS auch ihre Gesichter. „Wir wühlen in den verbrannten Hoffnungen der Bevölkerung“, erklärt Ruch die Verzierung. Sie ist Teil seines Expressionismus. Mit „politischem Theater im öffentlichen Raum“ wollen er und seine zwölf ständigen Kollegen auf Tragödien in der Welt aufmerksam machen. Sie fordern Notinseln für afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer und warnen vor einem „Jahrhundert der Gevor einem „Jahrhundert der Genozide“, schlimmer noch als das letzte. Völkermord und Massensterben sind meistens ihre Themen. Ruch verfasst darüber gerade seine Doktorarbeit.
Bei der Aktion vor dem Kanzleramt geht es etwas allgemeiner zu. Lars aus Hessen fordert: „Der Politiker sollte sich vor eine Menschenansammlung stellen und schweigen. Eine Stunde lang, bis alle schweigen. Bis alle die Kraft und das Schöpferische des Schweigens spüren.“ Susanne aus Klingenberg am Main wünscht sich, das Wort „hätte“ aus ihren Wünschen streichen zu können. Eine Teilnehmerin spricht sich gegen deutsche Soldaten in Afghanistan aus. Dann singt ein junger Mann mit Gitarre über den Frieden.
Zuletzt tritt Frankhelm Weber auf die Parteiprogrammsbühne. Ruch stellt ihn als Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU des Jahres 2034 vor. In seiner Rede geht es noch mal um Genozide. Er appelliert: „Verlangen Sie mehr von ihren Politikern!“ Die Aktion am Zaun des hohen Hauses ist angemeldet. Nur zwei Polizisten stehen beobachtend am Rande. Das war auch schon mal anders. Bei einer früheren Aktion wurde Ruch einmal verhaftet, und viele Male verwarnt. „Ich amüsiere mich über die Hilflosigkeit im Umgang mit Kunst“ sagt er locker dazu. Während die letzten Thesen verlesen werden, mischt sich ein Mitarbeiter des Kanzleramts in die Runde. Er kennt den Hauptdarsteller schon seit einigen Jahren. Der „Chefunterhändler der Schönheit“ war einmal Praktikant und Redenschreiber der Kanzlerin. Schon damals sei er um die Ästhetik der Worte sehr bemüht gewesen.
Während Ruch und die anderen Aktivisten des Zentrums für politische Schönheit noch ihre Wünsche durch das Megafon rufen, ist das Licht in Angela Merkels Büro längst gelöscht. Die Kanzlerin ist auf einem Empfang und freut sich über die Lösung bei Opel.
Forum der verlorenen Hoffnungen am Kanzleramt

ZUM ARTIKEL: http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-stadtleben-und-leute/forum-der-verlorenen-hoffnungen-am-kanzleramt

Das Zentrum für Politische Schönheit will inspirierende Politiker statt Politikverwalter. Diesem Zweck dient auch das „Forum der verlorenen Hoffnungen“ am 10.9. am Kanzleramt.
Politische Schönheit? Diesen scheinbaren Gegensatz hat der Aktionskünstler und Menschenrechtler Philipp Ruch im Zentrum für Politische Schönheit vereint, das vor wenigen Monaten in Berlin gegründet wurde. Das ZPS ist ein Thinktank, der zehn weltpolitische Probleme ins Zentrum rücken will, die von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert werden, wie beispielsweise das Massaker in Srebrenica 1995. Dazu werden populäre Mittel wie Theater, Ausstellungen, Aktionen und politische Initiativen genutzt. Beliebte Methoden der Aktivisten sind Ironie und Überspitzung. Die letzte spektakuläre Aktion war die Versteigerung von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier als abgehalfterte, ideenlose Politiker bei Ebay in Indonesien. Vor Ablauf der Auktionen wurde die Versteigerung jedoch gestoppt (Spiegel TV vom 12.8.09).
Am 10. September will das Zentrum für Politische Schönheit einen Abend lang die Sehnsüchte und Hoffnungen der deutschen Bevölkerung zu Wort kommen lassen. Jeder kann daran teilnehmen und seine Hoffnungen und Sehnsüchte an die deutsche Politik kreativ verarbeiten: als Gedicht, Zeichnung, Collage, ganz egal. Diese materiell gewordenen Sehnsüchte sollen dann in Einweckgläser oder Flaschen verpackt und mit Datum und Adresse beklebt werden. Am 10. September werden diese Hoffnungsträger dann ans Kanzleramt gebracht, wo sie selbst oder durch die Mitarbeiter des Zentrums für Politische Schönheit vorgetragen werden. Die ZPS-Mitglieder sind übrigens an den Rußspuren im Gesicht erkennbar, denn Kohle als Sinnbild verbrannter Hoffnungen ist ihr Markenzeichen. Anschließend (gegen 24 Uhr) werden die politischen Hoffnungsreserven dem Kanzleramt übergeben.
Alternativ kann das Resultat der persönlichen Sehnsuchtsbildung auch digital gesendet werden an: forum@politicalbeauty.de.
Ahnungsarchitektur

ZUM ARTIKEL: http://www.tagesspiegel.de/kultur/tagestipps/art135,2895781
Das Zentrum für Politische Schönheit baut „Ahnungsarchitektur“ dort auf, wo auch die Kanzlerin sie nicht mehr übersehen kann. Beim Forum der verlorenen Hoffnungen soll das Volk vor dem Kanzleramt ein imaginäres Bergwerk errichten, in dem unterdrückte oder enttäuschte Sehnsüchte zu Tage gefördert werden. Also: Politische Hoffnungen aus dem Schrank holen und mitwerken.
20 Uhr, vor dem Bundeskanzleramt, Tierg.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 10.09.2009)


srebrenica nad berlinom

(Kroatische Tageszeitung)
Link zum Artikel: http://novine.novilist.hr/default.asp?WCI=Pretrazivac&WCU=285F286328612863285A285828582861286328632863285C285C285D28582861285B28632863286328592863W
Za dana posvećenih sjećanju na masakr Bošnjaka u Srebrenici, Philipp Ruch i drugovi iz Centra su prošlog kolovoza pred Brandenburškim vratima i Reichstagom priredili skup s namjerom da zaustave memorijsku eroziju što pogađa srebrenički slučaj. Oni uporno pamte da su sve njemačke parlamentarne stranke odbile mogućnost intervencije međunarodnih snaga, pa su se potrudili inscenirati ključnu sjednicu Kriznog štaba UN-a koja se dan uoči pada Srebrenice održavala u Zagrebu, dok je 40 aviona NATO-a na Jadranu uzalud čekalo nalog da intervenira
piše igor lasić
Foto: Lara Wilde
Na pitanje što vezuje politiku i ljepotu, ili što se uopće lijepoga može naći u politici, većini bi ljudi vjerojatno pale na um prvenstveno beneficije kojima političari mogu zbrinuti sebe i svoje do tamo nekog dalekog budućeg koljena… Naš njemački sugovornik Philipp Ruch, međutim, odgovorit će na to da politička djelatnost zaista nije nužno tako nakazna i odiozna kakvom smo je obično skloni doživljavati, sa strane promatrajući taj oštro separirani te alijenirani svijet.
Voditelj berlinskog Centra za političku ljepotu (Zentrum für Politische Schönheit), mlade nevladine udruge koja privlači pažnju javnosti već i svojim intrigantnim nazivom u najavama raznih akcija, nalazi da se bolno nametljivi dojam moguće kontradikcije može nadvladati umjetničkim prepoznavanjem onih momenata političkog djelovanja koji nam vraćaju nadu kako se ipak dade učiniti nešto u općedruštvenom interesu, za dobrobit najslabijih i najovisnijih o pomoći i razumijevanju bližnjih.
Upravo tu negdje, dakle, otvara se prostor ljepote u politici, a što se tad sasvim prikladno može, reklo bi se i »prirodno«, artikulirati kroz umjetničku formu. Kad se jednom dohvati ono etički lijepo u mogućnostima konkretne politike, niti samo estetiziranje političkog više ne djeluje poput oksimorona. »To je paralelni proces… Umjetnost može vidjeti više, dati bolje odgovore, naročito kad je politika u krizi«, kaže Ruch. Zagovornici »političkog ekspresionizma« pritom skreću na sebe pažnju već i fizičkim izgledom, lica namrčenih ugljenom koji u njemačkoj tradiciji veže mnogostruka, posve živa značenja.
To da umjetnost može vidjeti ili pokazati više, dokazao je Centar za političku ljepotu baš nedavno, kad su njegovi aktivisti privedeni zbog čitanja veoma hermetične poezije iz 19. stoljeća – ispred njemačkog parlamenta, tj. zgrade Reichstaga. Po mišljenju policije koja je svojom reakcijom nadmašila sva očekivanja performera, dotični stihovi »sadrže politički stav«, a takav je iskorak izvan umjetničkog na rečenom mjestu zakonski nedopustiv. Tek za nama shvatljiviji primjer: to je nešto slično prilikama na Markovu trgu u Zagrebu…
merkel na e-bayu
Daljnje probleme s vlastima imali su davši Angelu Merkel iz CDU-a i njezinog protukandidata na izborima za kancelara, Franka-Waltera Steinmeiera iz SPD-a, na otvorenu aukcijsku prodaju putem web-sitea E-bay, smatrajući ih oboje lišenima vizije, nesposobnima da u ljudima pobude istinski relevantan politički interes. Prije negoli je licitiranje hitno sudski okončano, aktualna njemačka kancelarka postigla je cijenu od oko 45 eura, desetak puta više od svoga manje eksponiranog protivnika. Ali, ova organizacija bavi se ustvari gotovo isključivo pitanjima međunarodne politike. »Njemačka je najsnažnija članica EU«, tumači nam Phillip Ruch, »pa naša odgovornost seže puno dalje od one siromašnijih zemalja«.
Iz toga je razloga Centar za političku ljepotu jako zaokupljen Bosnom i Hercegovinom. Za dana posvećenih sjećanju na masakr Bošnjaka u Srebrenici, Ruch i drugovi su prošlog kolovoza pred Brandenburškim vratima i Reichstagom priredili skup s namjerom da zaustave memorijsku eroziju što pogađa srebrenički slučaj, a pogotovo da stanu na kraj manipulacijama oko toga… Oni, naime, uporno pamte da su sve njemačke parlamentarne stranke odbile mogućnost intervencije međunarodnih snaga, pa su se potrudili inscenirati ključnu sjednicu Kriznog štaba UN-a koja se dan uoči pada Srebrenice održavala u Zagrebu, dok je 40 aviona NATO-a na Jadranu uzalud čekalo nalog da intervenira.
Dijalog koji je napisan za tu priliku, naslovljen kao »Istraživanje na Leti« – mitskoj rijeci zaborava – zasnovan je uglavnom na istraživanjima američkog novinara Davida Rohdea, dobitnika Pulitzerove nagrade, pisca knjige »Posljednji dani Srebrenice«. Centar za političku ljepotu također dovršava film na istu temu, nadajući se prikazivanju na filmskom festivalu Berlinale. »Ne smijemo zaboraviti da smo bili tamo, i da nismo učinili ništa. S časnim izuzetkom Christiana Schwartz-Schillinga koji je dao ostavku u njemačkoj vladi zbog pasivnosti naše politike. Ali, mi ni sada ne činimo ništa, nego samo dižemo novi zid oko BiH«, dodaje Ruch.
nadolazeći genocidi
Bosna i Hercegovina, naime, diskriminirana je budućim viznim režimom tzv. Schengenskih zemalja, po kojem se vize ukidaju za Srbiju i Crnu Goru, ali ne i za BiH ili Kosovo… »Ograničavaju se prvo Bošnjaci koji nemaju opciju dvostrukog državljanstva, dok se bosanskohercegovačke Srbe i Hrvate gura prema tome izboru. Tako se utječe na raslojavanje društva i procese raspada BiH. Ironično je da je BiH zapravo kažnjena zbog neispunjavanja nekih zahtjeva EU koje je opstruirala Republika Srpska«, rekao nam je Ruch, čija je udruga pokrenula kampanju protiv te diskriminacije i objavila pismo koje se može supotpisati na web-adresi www.balkangoeseurope.de«.
Centar za političku ljepotu bavi se i udaljenijim slučajevima, razmjerno spomenutom globalnom utjecaju Njemačke. Poznata je njihova ekstravagantna vizija gradnje tisuću umjetnih otoka na Sredozemlju, za spas afričkih imigranata koji se masovno utapaju nadomak europske obale. »Ne trebaš biti prorok da uvidiš kako nam se u ovom stoljeću sprema toliko genocida da na njegovom kraju za npr. ’11. rujna’ uopće neće biti mjesta u udžbenicima. U roku od dva desetljeća doći će do genocida nezabilježenih razmjera u Africi. Ali, ovdje se nitko ne brine zbog toga, brinu se za Opel«, kaže Philipp Ruch.
Po mišljenju ovog aktivista, inače po vokaciji redatelja i filozofa politike, svijet je podijeljen na one koji vjeruju u kraj povijesti, to notorno fukuyamansko kukavičje jaje, i one koji grcaju u lokalnim, svakodnevnim mukama, te nemaju prostora za dugoročno, strateško promišljanje… Drugim riječima, jedni su u postpolitičkom, a ostali u pretpolitičkom stanju. Po tezama Centra za političku ljepotu, koje su njegovi članovi proljetos stavili na vrata Bundestaga u reformatorskoj maniri jednog Martina Luthera, umjetnost je tu da stvari uobliči kako bismo vidjeli njihovu istinsku prirodu.
Posrijedi je, dakako, stara i dobro poznata svrha umjetnosti mimo njezinih mimetičkih svojstava, njezina kvaliteta koju prema društvenom kontekstu lako primjećujemo kod naglašenije angažiranih autora, kakvi su u Hrvatskoj – usporedivo s ovim njemačkim primjerom – Siniša Labrović ili Igor Grubić, čija djela rastresaju apatiju i kod najokorijelijih. Baš kao što je američki newsmagazin Time, u nedavnom članku o novom, žestokom valu artistički nastrojenih prosvjeda u Francuskoj, citirao jednog takvog demonstranta: »Moramo naći djelotvornije načine od uobičajenog marširanja s tužnim licima na kiši«.
Interview: „Wir wollen weg von den Politikverwaltern“
LINK zum Artikel: http://www.stern.de/kultur/kunst/auktionskuenstler-philipp-ruch-wir-wollen-weg-von-den-politikverwaltern-1503949.html

Er hat Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier bei Ebay versteigert und dafür für viel Wirbel gesorgt. Ein Gespräch mit Philipp Ruch vom „Zentrum für politische Schönheit“. Foto: Jessica Wahl
Herr Ruch, Sie haben Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier bei Ebay zur Versteigerung angeboten. Warum?
Mit diesen Kandidaten ist kein Wahlkampf zu machen. Vor allem junge Wähler lockt man damit nicht hinterm Ofen hervor. Wir wollen Politiker, die mit ihren Visionen inspirieren und die Leute überzeugen. Wir glauben, dass Bürger immer politisch sind, wenn es den Politikern gelingt, etwas in ihnen zu wecken.
Was ist Ihre Ideologie?
Wir haben nur außenpolitische Themen. Unser Seerosen-Projekt zum Beispiel: Wir wollen 1000 schwimmende, fest verankerte Inseln auf dem Mittelmeer installieren, um die Flüchtlinge zu retten, die zu Tausenden jedes Jahr ertrinken.
Kann man mit so einem eindimensionalen Programm ein Land regieren?
Wir wollen gar nicht regieren. Das „Zentrum für politische Schönheit“ will Politik beraten. Wir glauben, dass man so ein simples Projekt wie die Seerosen-Inseln zum Wahlkampf-Thema hätte machen können. Für die Wahrung von Europas humanistischem Anspruch. Die CDU hätte sagen können: Wir wollen das realisieren. Das kostet 5,6 Millionen Euro. Peanuts.
Sie wollen nicht regieren, stellen aber mit Nina van Bergen eine eigene Kanzlerkandidatin.
Eine informelle Bundeskanzlerin. Rein für die Aktionskunst. Wir werden schauen, ob wir die Parteien davon überzeugen können, sie als Kandidatin zu nehmen.
Was hat Frau van Bergen, was Frau Merkel nicht hat?
Neben der Schönheit ein ganz klares intellektuelles Programm.
Und das wäre?
Beispielsweise wollen wir eine Brücke von Afrika nach Europa bauen. Wie wir inzwischen beschlossen haben, aus PET-Flaschen, die jeder Bürger sammeln könnte. Wir würden in ganz Europa aufrufen, den Zivilisationsmüll zu sammeln, um damit Menschenleben zu retten.
Ist das „Zentrum für politische Schönheit“ als Partei für die Bundestagswahl 2009 zugelassen?
Nein. Das wird perspektivisch bis ins Jahr 2020 geschehen.
Warum schwärzen Sie sich immer Ihr Gesicht mit Kohle?
Wir betreiben politischen Expressionismus. Die Expressionisten mussten sich auch nicht erklären. Die Leute haben sie trotzdem verstanden. Das wollen wir in die Politik einführen. Man lebt im Jahr 2009 in Deutschland, sieht unsere Gesichter und versteht. Es soll eine Grundstimmung ausdrücken.
Und die Grundstimmung ist: Wir leben in einem verbrannten Land?
Nein, eher am Ende der Geschichte. Am Anfang eines neuen Jahrtausends haben die Menschen das Gefühl, die großen geschichtlichen Momente lägen hinter ihnen. Die Großtaten seien alle vorbei. Dabei geht die Geschichte ja weiter. Wir könnten so viel tun in der Welt. Gutes tun. Sehr viel bewegen. Stattdessen fühlen wir uns müde, saturiert – Sie kennen das.
Braucht Deutschland wirklich charismatische Verführer mit strahlenden Visionen?
Wir fänden das toll. Helden der Geschichte. Ein gutes Beispiel für politische Schönheit ist Christian Schwarz-Schilling. Sagt Ihnen der Name was?
Kohls Postminister?
Genau. Sein Rücktritt aus Protest gegen die desinteressierte Haltung der Bundesregierung im Bosnien-Krieg. Im Moment der Krise hält er die Bundesregierung, der er selbst angehört, nicht aus und sagt: „Ich trete zurück, weil sie untätig ist.“ Das halten wir für politisch unglaublich mutig und für genau die richtige Antwort. Da haben wir ihn: einen strahlenden Akt politischer Schönheit.
Insgesamt scheint Ihr Programm recht lückenhaft zu sein.
Wir sind eine Denkfabrik. Ein Think-Tank. Wir betreiben Politikberatung. Wir glauben, dass im Moment der höchsten Krise die Kunst bessere Antworten liefert als die Politik. Zu Realpolitik wie Rentenkasse etc. haben wir nichts zu sagen. Wir wollen Dinge, die die Leute inspirieren. In Momenten, wo wirklich etwas passiert. Einer unserer Ausgangspunkte ist die Gewissheit, dass es bis 2030 in Afrika zu einem Genozid kommt. Wie reagiert Europa darauf? Wir arbeiten auf Antworten zu. Wir suchen nach Möglichkeiten, auf Großkatastrophen angemessen zu reagieren. Wie reagiert man auf Genozid?
Darauf hat jede politische Partei ihre Antwort.
Ja, sagen Sie doch mal!
Die einen würden eine Uno-Truppe hinschicken, die anderen die Bundeswehr.
Ich habe im Kanzleramt angerufen und gefragt: „Ist Ihnen klar, dass wir im Anbruch des genozidalsten Jahrhunderts leben. Ein Jahrhundert mit Opferbilanzen, die jene des 20. Jahrhunderts weit übertreffen.“ Da hieß es nur: „Spinner!“ So etwas würde nicht passieren. Ich habe gefragt: „Wo sitzen bei Ihnen im Kanzleramt die Leute, die sich darüber heute Gedanken machen?“ Am Ende des Jahrhunderts werden die Menschen nur eine Frage stellen: „Was haben wir damals eigentlich getan? Was haben wir dagegen unternommen?“
Glauben Sie, dass Kunst den Menschen besser macht?
Absolut.
Kann es sein, dass öffentliche Aufmerksamkeit Sie mehr interessiert als politische Inhalte?
Gar nicht. Ich finde es auch beschämend, wie viel Echo wir jetzt mit der Versteigerung gefunden haben. Das hätte ich mir für unsere Srebrenica-Aktion gewünscht.
Interview: Stephan Maus
„Kanzlerin gebraucht abzugeben“
Link zum Artikel: http://www.sueddeutsche.de/politik/456/483897/text/
Internet: Wahlkampf paradox
12.08.2009, 13:58
Von Michael König
Parteien wollen das Internet erobern, doch die User machen ihre eigene Politik: Die Kanzlerin wird versteigert, der Innenminister verhöhnt. Das gibt Ärger.
Die Parteien setzen im Bundestagswahlkampf auf das Internet. Aber sie haben die Rechnung ohne die Nutzer gemacht: Statt der Frank-Walter-Steinmeier-Fanpage auf Facebook oder Angela Merkels Videokolumne bei Youtube ziehen andere Werbeformen viel Aufmerksamkeit auf sich.
Die haben mit den Wahlprogrammen der Parteien nicht viel zu tun – sie sind nämlich kreativ. Und greifen den Geist des Webs besser auf, als das eine offizielle Kampagne bisher geschafft hat. Die User werden kurzerhand selbst aktiv, verbreiten ihre Inhalte und stecken damit womöglich andere an, sich mit Politik zu beschäftigen – oder zumindest damit, was die Web-Gemeinde für Politik hält.
Der Vorwurf, die Parteien hätten das Netz nicht verstanden, klingt bei allen Aktionen an. „Die Bemühungen der Parteien, die Wähler im Internet wirklich einzubinden, tendieren gegen Null“, sagt Markus Beckedahl, Gründer des 2008 für der Grimme-Preis nominierten Weblogs netzpolitik.org: „Sie sehen die Internetnutzer nur als virtuelle Plakatkleber.“
„Gebraucht, visionslos, antriebslos und uninspirierend“
Beckedahl startete eine Protestaktion und bot seinen Nutzern ein digitales CDU-Plakat zur Verfremdung an. Binnen 24 Stunden hatten ihn 170 E-Mails mit Beiträgen erreicht. „Das zeigt, welches Potential im Internet steckt, wenn es um Politik geht“, sagt Beckedahl.
Nicht weniger Zulauf hatten zwei Ebay-Auktionen, bei denen deutsche Politiker zum Kauf angeboten wurden: Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und ihr Herausforderer, Außenminister Steinmeier von der SPD.
Das Duo sei nicht neu, mahnten die Verkäufer in der Produktbeschreibung: Unter „Zustand“ gaben sie „gebraucht, visionslos, antriebslos und uninspirierend“ an. Der Startpreis der Auktionen lag bei einem Euro oder 68 Philippinischen Pesos – die Verkäufer hatten die Auktionen auf der philippinischen Ebay-Plattform eingestellt.
„Möglichst rasch los werden“
Hinter der Auktion steht das „Zentrum für Politische Schönheit“, ein Zusammenschluss von Künstlern aus Berlin. „Mit der Aktion wollen wir ein Zeichen gegen den inspirationslosen Wahlkampf und die Politikverdrossenheit in Deutschland setzen“, sagt Mitinitator Philipp Ruch, der den offiziellen Titel „Chefunterhändler der Schönheit“ trägt.
„Wenn ich Erstwähler wäre, würde ich nicht zur Wahl gehen“, sagt Ruch und spricht den Politikern jeden Sinn für „Größe, Kraft und Schönheit“ ab. Deshalb müsste man sie „möglichst rasch los werden“, sagt er gegenüber sueddeutsche.de.

Merkel-Auktion auf der philippinischen Ebay-Seite: Eine Künstlergruppe bietet die Bundeskanzlerin zum Verkauf an. Ebay hat die Seite inzwischen gelöscht. (Screenshot: sueddeutsche.de)
Aber ob man sie deshalb gleich verhökern muss? Markus Beckedahl von netzpolitik.org ging einen anderen Weg – er ließ seine Leser Wahlkampf-Aussagen der CDU „verbessern“. Als Vorlage wählte er ein Plakat, auf dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in Denkerpose zu sehen ist. Daneben steht der Slogan: „Wir haben die Kraft für Sicherheit und Freiheit.“
„Ich weiß, was du letzten Monat getan hast“
Die User machten daraus unter anderem: „Ich weiß, was du letzten Monat getan hast“, „Wir haben Angst“ oder auch „Wir haben genug Platz für Ihre Informationen“ – allesamt Anspielungen auf den Law-and-Order-Ruf, den Schäuble und die CDU in Teilen der Web-Gemeinde genießen.
„Die Freiheitsrechte wurden in den letzten Jahren zugunsten der Sicherheit massiv eingeschränkt“, sagt Beckedahl: „Im Internet stärker als in der analogen Welt.“ Mitarbeiter und Politiker von FDP, der Linken und der Grünen hätten ihm zu der Aktion gratuliert.
Andere waren weniger erfreut: Laurence Chaperon, die Fotografin des Schäuble-Porträts, sah ihre Rechte verletzt und forderte Beckedahl auf, die Bilder zu entfernen. Der Netzpolitik-Gründer sieht die Aktion jedoch durch die Presse- und Satirefreiheit gedeckt. Er verweist darauf, dass die CDU eine Nutzung der Bilder für eine „redaktionelle Berichterstattung“ ausdrücklich erlaubt: „Nichts anderes habe ich mit der Aktion gemacht.“
Merkel darf sich freikaufen
Auch die Ebay-Auktionen des Zentrums für Politische Schönheit riefen eine juristische Reaktion hervor: Wie Pressesprecher Philipp Ruch gegenüber sueddeutsche.de bestätigte, erreichte die Künstlergruppe ein Anruf aus dem Büro von Beate Baumann, der Büroleiterin der Bundeskanzlerin. „Die Reaktion war sehr wütend“, erzählt Ruch. Die Partei erwäge rechtliche Schritte gegen die Künstler.
Die Pressestelle der CDU war nicht für einen Kommentar zu erreichen. Ein Regierungssprecher erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, dass es ein solches Telefonat nicht gegeben habe: „Das Kanzleramt war nicht mit der Aktion befasst und wird gegen die Auktionen auch nichts unternehmen.“
Die Künstler sehen sich im Recht: Weil die Auktionen auf der philippinischen Ebay-Plattform veröffentlicht wurden, gelte dafür die philippinische Verfassung. Sie stützt die Rechte von Künstlern, wenn diese für einen guten Zweck arbeiten – und das glauben Ruch und seine Mitstreiter zu tun: Sie wollen im Mittelmeer Plattformen errichten, auf denen sich ertrinkende Flüchtlinge retten können.
Diese „Seerosen“ kosten laut Ruch 5,6 Millionen Euro. Einen Teil davon wollten die Künstler mit Hilfe der Ebay-Auktionen zusammenbringen – doch das Auktionshaus hat die Seiten inzwischen gelöscht. Nun bietet Ruch der Bundeskanzlerin einen Handel an: „Für 5,6 Millionen Euro kann sich Frau Merkel freikaufen und würde damit noch etwas Gutes tun.“
(sueddeutsche.de/gba)
„Online-Versteigerung von Merkel gestoppt“

.
Link zum Artikel: http://www.zeit.de/newsticker/2009/8/12/iptc-bdt-20090812-454-22070748xml
© 12.8.2009 – 13:40 Uhr
Berlin (dpa) – Die Versteigerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier im Internet ist nach noch nicht einmal 24 Stunden wieder gestoppt worden.
Mit der Aktion in der Auktionsbörse eBay wollten die Berliner Künstler vom Zentrum für Politische Schönheit nach eigenen Angaben ein Zeichen gegen den inspirationslosen Wahlkampf und die Politikverdrossenheit in Deutschland setzen.
Anzeige
Mitinitiator Philipp Ruch sagte am Mittwoch, bevor die beiden Angebote gelöscht worden seien, habe eine «relativ unfreundliche» Anrufer aus dem Bundeskanzleramt die Künstler aufgefordert, die Auktionen zu entfernen. Ein Regierungssprecher erklärte jedoch auf Anfrage, dass es ein solches Telefonat nicht gegeben habe. «Das Kanzleramt war nicht mit der Aktion befasst und wird gegen die Auktionen auch nichts unternehmen».
Ruch hatte dem Anrufer nach eigenen Angaben angeboten, dass sich die Kanzlerin «für 5,6 Millionen Euro freikaufen» könne. Daraufhin habe der Mitarbeiter aufgelegt. Die Versteigerungen von Merkel und Steinmeier auf der philippinischen Seite des Auktionshauses waren am Dienstag von den Berliner Aktionskünstlern initiiert worden. Mit den Einnahmen wollten sie ein Projekt zur Rettung ertrinkender Flüchtlinge im Mittelmeer und das World-Food-Programm der Vereinten Nationen unterstützen. Laut Ruch hatten weltweit mehr als 10 000 Besucher die Auktion von Angela Merkel aufgerufen. Das Höchstgebot habe 3030 Philippinische Peso (PHP/rund 45 Euro) betragen. Für Steinmeier seien rund 300 PHP (rund 4,5 Euro) geboten worden.

„Merkel und Steinmeier «gebraucht» auf Ebay“

Link zum Artikel: http://bazonline.ch/ausland/europa/Merkel-und-Steinmeier-gebraucht-auf-Ebay/story/21473623
.
.

Koalitionäre und Wahlkämpfer: Der Aussenminister und die Bundeskanzlerin.
Bild: Keystone
Sie verhökern die Politiker im Internet. Bis zum 21. August können in der Auktionsbörse eBay Gebote für die zwei Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl vom 27. September abgegeben werden. «Mit der Aktion wollen wir ein Zeichen gegen den inspirationslosen Wahlkampf und die Politikverdrossenheit in Deutschland setzen», sagte der Schweizer Mitiniator Philipp Ruch aus Bern am Dienstag.
Den Politikern sei jeder Sinn für Grösse, Kraft und Schönheit abhandengekommen, beklagten die Aktionskünstler weiter. Die Startpreise für die zehntägigen Auktionen, die auf der philippinischen Seite des Auktionshauses platziert sind, liegen bei jeweils 68 Philippinischen Peso (PHP). Dies entspricht umgerechnet etwa 1,50 Franken entspricht.
Abzugeben nur an Selbstabholer
Beide Politiker werden in den Angeboten als «visionslos, antriebslos und uninspirierend» beschrieben und im Artikelzustand «gebraucht» höchst bietend an Selbstabholer versteigert. Die Einnahmen von der Merkel-Auktion sollen in ein «Seerosen»-Projekt zur Rettung ertrinkender Flüchtlinge im Mittelmeer fliessen. Das Geld aus der Steinmeier-Auktion wird dem World-Food-Programm der Vereinten Nationen zu Gute kommen.
Zur rechtlichen Absicherung der Aktion verweisen die Künstler in den Angeboten auf die philippinische Verfassung. «Wir berufen uns auf die in Artikel 14 gewährleistete Kunstfreiheit», sagte Ruch. Das Zentrum für Politische Schönheit ist ein Zusammenschluss von rund 100 Künstlern mit Sitz in Berlin. (raa/sda)
„Merkel und Steinmeier auf eBay zu ersteigern“

LINK ZUM ARTIKEL: http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/18/0,3672,7614226,00.html
.
.
.
Merkel und Steinmeier auf eBay zu ersteigern
Berliner Künstler starten Aktion gegen Politikverdrossenheit
von Annette Klotz

Merkel und Steinmeier sollen weg, neue Politiker müssen her: Das meinen Berliner Aktionskünstler und haben die Kanzlerin und ihren Rivalen zum Verkauf auf eBay angeboten. „Wir wollen ein Zeichen gegen Politikverdrossenheit setzen“, so Initiator Ruch.
„Wir haben die Ahnung, dass die Wahlbeteiligung nicht besonders hoch sein wird, und dass dies vor allem am politischen Personal liegt“, sagt Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit, der das Angebot auf eBay eingestellt hat. Bis zum 21. August können dort Gebote für die beiden Spitzenkandidaten, Angela Merkel (CDU) und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, für die Bundestagswahl am 27. September abgegeben werden.
„Politiker brauchen Mut“
Beide Politiker werden in den Angeboten als „visionslos, antriebslos und uninspirierend“ beschrieben und im Artikelzustand „gebraucht“ höchst bietend an Selbstabholer versteigert. Die Startpreise für die zehntägigen Auktionen, die auf der philippinischen Seite des Auktionshauses platziert sind, liegen bei jeweils 68 Philippinischen Peso (PHP), was umgerechnet etwa einem Euro entspricht.
„Politiker brauchen Mut, Visionen, Ambitionen, einen Sinn für das Gute und die Schönheit“, fordert der 28-jährige Ruch, der gerade in Berlin an seiner Promotion zu „Gefühlen in der Politikwissenschaft“ schreibt. Weder Merkel noch Steinmeier erfüllen seiner Ansicht nach diese Kriterien. „Viele Deutschen wären gerne politisch, würden die Politikerinnen und Politiker nur etwas in ihnen wecken.“ Und so soll der Erlös der Versteigerung auch einem guten Zweck dienen und in das „Seerosen“-Projekt fließen, mit dem das Zentrum 1000 festverankerte Plattformen auf dem Mittelmeer schaffen will, auf denen sich Bootsflüchtlinge retten können.
Thinktank für Aktionspolitik
Vor fünf Monaten wurde das Zentrum für Politische Schönheit in Berlin gegründet und soll eine Art Thinktank für Aktionspolitik sein. Sogar als Partei definiert sich der Künstlerzusammenschluss auf seiner Website. Das Programm: Über Kunstaktionen mehr Menschen zu politischem Engagement zu bewegen .“Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, in welch privilegiertem Zustand wir in Deutschland leben. Und wir wollen daran erinnern, welche Verpflichtungen an dieses Privileg geknüpft sind“, sagt Ruch. Inzwischen hat das Zentrum rund 100 Mitglieder, die mit ihren Aktionen in der Hauptstadt auf politische Zustände hinweisen wollen.
Mit einer ihrer ersten Aktionen am 8. Mai, bei der ein junger Mann auf einem Pferd bis zur Tür des Bundestags ritt und dort zehn Thesen zur Schönheit an die Tür nagelte, kam die Gruppe erstmals in die Schlagzeilen. Das bislang größte Happening war eine Gedenkveranstaltung zum Massaker in Sbrenica im Jahr 1995, bei der die Künstler im Juli am Brandenburger Tor Szenen der entscheidenden Sitzung des UN-Krisenstabes nachspielten.
Strafanzeige wegen Gedicht
Doch nicht immer sind die Aktionen der rußverschmiert auftretenden Künstler am Brandenburger Tor erwünscht. Als sie im Mai zu Bundespräsidentenwahl im Mai vor dem Bundestag ein Gedicht vortragen wollten, hielt die Polizei die Aktion für eine Demonstration und stellte gegen alle Beteiligten Strafanzeige. „Die Sache geht nun an den Staatsanwalt“, sagt Ruch. Doch das Verfahren schert ihn und seine Mit-Akteure wenig – für den Wahlkampf sind bereits die nächsten Projekte geplant.
„Poetischer als die Polizei erlaubt“
Link zum Artikel: http://www.tagesspiegel.de/berlin/Landespolitik-Aktionskunst;art124,2866638
Strafanzeige für das Aufsagen eines Gedichts: Das „Zentrum für politische Schönheit“ will irritieren, aber auch beraten.

Post für Köhler. Politaktivist Ruch und seine Kollegen arbeiten gegen Konventionen. Foto: Mike Wolff
Wer sagt eigentlich, dass Wahlkampf nur für Politiker da ist? Vor vier Monaten beschloss der Aktionskünstler Philipp Ruch ebenfalls mitzumischen und gründete das „Zentrum für politische Schönheit“. Seither hat er die Öffentlichkeit mit seiner Gruppe immer wieder irritiert: Etwa, als er als „Chefunterhändler der Schönheit“ auf einem Pferd zum Reichstag ritt und zehn Thesen an die Tür nagelte. Eine davon: „Hoffnungen sind nicht dazu da, aufgegeben zu werden.“
Viele Passanten schauten auch hin, als die Gruppe bei einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor meterlange Attrappen von Nato-Bomben aufstellte, „um den Opfern des Massakers von Srebrenica zu gedenken“. Und manchmal verteilen die Aktionskünstler auf Straßen „Tüten der verbrannten Hoffnungen“, darin: Kohlestücke und nachdenkliche Sätze.
Am vergangenen Mittwochabend stand Ruch mit seinem Team und einem Megaphon auf der ordentlich gestutzten Wiese vor dem Schloss Bellevue und sprach den Bundespräsidenten per Megaphon an: „Herr Köhler, ich habe Post für Sie, kommen Sie raus und holen Sie sie ab!“ ruft er. Im Hof, hinter dem Gitter, versammeln sich fünf Polizisten, die unruhig den Sack beäugen, den Ruch vor dem Tor abgestellt hat: Darin liegen ein Brief für Horst Köhler und ein Berg Kohlebricketts – „das sind die verbrannten Hoffnungen der deutschen Bürger“, erklärt Ruch. Kohle ist das Markenzeichen der Streiter für politische Schönheit, die immer mit Ruß im Gesicht auftreten.
Zu Köhler haben die jungen Aktionskünstler inzwischen ein besonderes Verhältnis: Das letzte Mal, als sie über Lautsprecher zu ihm sprachen, erhielt der 28-jährige Ruch eine Strafanzeige „wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht“. Am Tag der Bundespräsidentenwahl hatte seine Kollegin Nina van Bergen ein Gedicht des Expressionisten Ernst Stadler aufgesagt – „An die Schönheit“. Die Polizisten vor dem Reichstag hielten das harmlose Gedicht für eine politische Kundgebung. Erst vergangene Woche hat er deswegen beim Landeskriminalamt vorsprechen und sich rechtfertigen müssen. Das war dem selbsternannten Gesellschaftsritter nicht unlieb – der Auftritt ist nun Teil seines „Werks“: Den LKA-Beamten erklärte er, „Poesie ist ein Rohstoff, der knapp werden kann“. Die seien „hingerissen“ gewesen, mal etwas Neues zu erleben. Irritation ist durchaus sein Ziel. „Aktionskunst macht keinen Sinn, wenn man sie vorher anmelden muss“, schimpft Ruch. Ideenreiche Leute wie er hätten damit zu kämpfen, dass die Rechtslage für Darbietungen in der Öffentlichkeit verstockt und borniert sei.
Was er mit dem Theater erreichen will? Politik werde schön, wenn mehr Ehrlichkeit zugelassen wird. Und Politiker, wenn sie mutiger und demütiger werden. Und: „Deutschlands Rohstoff-Zukunft liegt in der Poesie.“ Der junge Mann, im schwarzen Anzug mit rußverschmiertem Gesicht, meint das durchaus ernst. Das Zentrum für politische Schönheit bietet sich als Think Tank für Politiker an. „Denn Kunst kann in Momenten der höchsten Krise durchaus gute Antworten liefern.“ Bisher hat allerdings noch kein Politiker das Beratungsangebot angenommen.
Ferda Ataman
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.08.2009)
Brief an den Bundespräsidenten

Zum ideengeschichtlichen Hintergrund: siehe den eBay-Angebotstext.
Über die Aktion: Der Tagesspiegel vom 7.8.09.



Fotos: Nicole Richwald.
„Gedichte verboten“
Link zum Artikel: http://www.wdr3.de/resonanzen/details/artikel/wdr-3-resonanzen-434f097140.html
.
.
.
Festnahme wegen einer Lesung vor dem Reichstag

Rechte: dpa / picture alliance
Gruppe „Zentrum für Politische Schönheit“ bei einer Kunstaktion vor dem Reichstagsgebäude
Während der Bundespräsidentenwahl am 23. Mai rezitieren Berliner Aktionskünstler vom „Zentrum für Politische Schönheit“ ein Gedicht des Expressionisten Ernst Stadler, um Horst Köhler zur Wiederwahl zu gratulieren. Doch die Polizei schreitet ein. Die Aktionskünstler werden verhaftet, weil das Gedicht „meinungsäußernde Inhalte“ enthalten habe. So jedenfalls lautet die polizeiliche Begründung. Um in den Gedichten vermutete unangenehme politische Botschaften zu verhindern, werden Künstler festgenommen, ein origineller Gruß wird zur Straftat und zum Politikum. Inzwischen hat man umgeschwenkt: Nicht mehr die Lesung der Gedichte soll nun die Straftat sein, sondern der Verstoß gegen das „Gesetz über befriedete Bezirke für Verfassungsorgane des Bundes“, welches 1999 das „Bannmeilengesetz“ ablöste und im Jahre 2003 gelockert wurde. Demonstrationen vor dem Reichstag sind nun eigentlich erlaubt. Dennoch kam es heute vor dem LKA Berlin zur Anhörung.
Ein Gespräch mit Christoph Richter.
Als Podcast: WDR 3 Resonanzen
Westliche Versprechen, westliche Verbrechen (Nachtgedanken 4)
Über das Kunstverständnis des ZPS:
Wir arbeiten an der Herstellung von Verständnis. Das ist mit flüchtigen Blicken nicht zu bekommen. Wir sind geprägt von der „römischen“ Methode, Wissen zu stabilisieren: da kann ein Tempel den letzten Sinn eines Staatsreliefs erklären. Im alten Rom lebt das Werk niemals aus sich selbst heraus. Die Archäologen müssen erst die Umgebung absuchen, um zu verstehen, was sie da eigentlich ausgegraben haben. Der Blick auf die Umgebung offenbart, worum es sich bei einem Fundstück handeln könnte. Die Einsichten verbleiben im Modus der Ahnungen abgefasst.
Auch bei unseren Aktionen offenbart frühestens die Umgebung, worum es sich handelt. Man kann das enigmatisch nennen, tatsächlich ist diese Methode aber prädestiniert, etwas anderes präventiv zu unterbinden: Kurzschlüsse.

Über die „Bergungsarbeiten auf Lethe“:
Wenn Sie ein Tiefenwissen im Falle eines Genozids herstellen wollen, müssen sie zunächst die geläufigen Namen weiträumig umfahren: nennen Sie niemals „Srebrenica“, „Ruanda“ oder „Tschetschenien“ beim Namen. Die Menschen machen dicht, wenn sie das hören, obschon sie so gut wie nichts darüber wissen. Unsere Politiker irren meiner Ansicht nach, wenn sie ständig fordern, nicht zu vergessen. Um zu vergessen, muss man irgendwann einmal gewusst haben. Die Realität wurde zumindest im Fall Srebrenica nie gewusst. Da wollen wir hin: zu einem Verständnis der Vorgänge. Ich bin vor Jahren aus allen Wolken gefallen, als ich auf den Umstand stieß, dass 40 NATO-Flugzeuge einsatzbereit über der Adria kreisten, um Srebrenica zu verteidigen.
Wir haben die Sitzung des Krisenstabes kurzerhand vor das Brandenburger Tor gestellt, damit sich jeder ein Bild davon machen kann, was unsere militärische Führung in einer solchen Situation bespricht. Was sind deren Befürchtungen? Worüber denken sie nach? Denken sie etwa daran, dass es um 40’000 Menschen geht?
Auch die Bomben, die wir den Menschen vor die Füße gelegt haben, erklären sich nur aus dieser Sitzung des Krisenstabes. Wer keine Zeit hat, sich auf die Umgebung einzulassen, auf eine Situation, in der 40 NATO-Flugzeuge in der Luft sind, während Srebrenica unter schwerem Beschuss steht, der wird nicht verstehen. Keine leichten Antworten. Keine Kurzschlüsse. Unser zentrales Anliegen war, zu verdeutlichen, was jede Verzögerung in einem solchen Moment bedeutet. Es gibt andere Meinungen, die die Sitzung des Krisenstabes nicht für die Schlüsselsituation in die Katastrophe halten. Aber die Alternativen überzeugen mich nicht: wie sollen 340 Mann die Enklave am Boden verteidigen können? Die Holländer sind und bleiben das Bauernopfer. Sie haben viel falsch gemacht, Axel Hagedorn hat das minutiös nachgewiesen. Aber im Großen und Ganzen hätte nur Luftunterstützung etwas auszurichten vermocht.
Die Vereinten Nationen haben damals der bosnischen Armee in der Schutzzone sämtliche Waffen abgenommen. Sie haben die Schützengräben, die man für eine effektive Verteidigung gebraucht hätte, zugeschüttet. Die Bosnier waren gezwungen, unserem Versprechen auf Unterstützung aus der Luft zu glauben.
Dass wir dieses Versprechen gebrochen haben, empfinde ich, gerade weil ich aus der Generation der „Zuspätgekommenen“ stamme (wie Nietzsche das nennt), als unser aller Verbrechen. Schlicht: Verbrechen. Wofür Jahrhunderte vor uns gekämpft haben, für Menschlichkeit, Solidarität und Gleichheit, einfach vergessen. Unsere Politiker haben uns ins tiefste Mittelalter zurückkatapultiert, ohne dass es irgendjemandem aufgefallen war.
Für mich wird immer unverständlich bleiben, wie vier Jahre lang Aufnahmen aus dem belagerten Sarajevo über die Fernsehbildschirme flimmern können, ohne dass jemand auf die Idee kommt, dass man den Belagerungsring mit der Luftwaffe zerschlagen könnte. Wer besaß Lufthoheit in Bosnien? Richtig: wir, die NATO.
Ich bin mir sicher, dass der Bosnienkrieg wesentlich bezeichnender ist für den Zustand, in dem sich unsere Gesellschaft befindet, als der ach-so-oft-bemühte „11. September“. Das Urteil der Historiker über diese, unsere Zeit wird verheerend ausfallen, wenn wir nichts dagegen unternehmen.
Bosnischer Pressespiegel
Die Hauptausgabe der Tagesschau (20 Uhr) vom 11. Juli 2009 über den von uns organisierten 14. Gedenktag für die Opfer des Massakers von Srebrenica. Leider verzichtet die Tagesschau darauf, ihr Publikum mit unserem Namen zu irritieren.
–
Die Hauptausgabe der Nachrichten (19.30 Uhr) des bosnischen Fernsehens (FTV, 2DNEVNIK):
–
Der Aussenminister Bosnien-Herzegowinas, Sven Alkalaj, dankt uns für unseren Einsatz in der Oslobodjenje, der größten bosnischen Tageszeitung!

Link zum Artikel: http://www.oslobodjenje.ba/index.php?id=1679
Bosna i Hercegovina je, skupa s Albanijom, izostavljena iz preporuke Evropske komisije za liberalizaciju viznog režima, dok su Srbija, Crna Gora i Makedonija obezbijedile svojim građanima bezvizni režim od prvog januara naredne godine. Koliki dio krivice snosi Ministarstvo vanjskih poslova BiH?
- Ministarstvo vanjskih poslova BiH je sve svoje diplomatske aktivnosti usmjerilo da ubijedi donosioce odluka u Evropi da Bosna i Hercegovina ne bude isključena iz preporuke Evropske komisije za liberalizaciju viza. U tome smo uspjeli: u Uredbi EK-a Vijeću Evropske unije stoji, citiram, „da Komisija ima namjeru da predloži premještanje BiH i Albanije na pozitivnu listu čim one ispune postavljene uslove“. To znači da je EK već donio političku odluku po kojoj je BiH dio paketa u kojem se nalaze sve zemlje zapadnog Balkana. BiH sad mora ispuniti preostale tehničke uslove. Ako EK u oktobru bude konstatirao da je BiH ispunila sve uslove iz Mape puta, EK će predložiti ukidanje viznog režima za BiH. Ukratko, nismo izostavljeni iz preporuke i dobili smo takoreći drugu šansu.
Hvala prijateljima
- Naši njemački prijatelji samonicijativno su pokrenuli niz akcija usmjerenih prema njemačkim i evropskim političarima kako bi se BiH pružila još jedna šansa da do kraja godine dobije isti bezvizni status kao i Makedonija, Srbija i Crna Gora. Među njima su: Philipp Ruch iz berlinskog Centra za ljepotu politike; slobodni novinar Erich Rathfelder; Benjamin i Amira Bieber iz Udruženja naučnika porijeklom iz BiH; Tilman Zielch iz Društva za ugrožene narode; bivši visoki predstavnik dr. Christain Schwarz Schilling. Njihove apele do sada je na razne načine podržalo više od 3.000 ljudi širom SR Njemačke. Među njima i prominentni, poput predsjednika Zelenih Njemačke Cem Odzdemira, zastupnice u Bundestagu Marieluise Beck, književnice Juli Zeh, profesora političkih nauka na Frei Univerzitetu u Berlinu Hajo Funkea. Hvala im!
.
.
.
Prenzlberger Ansichten, 08/09:





Fotos: Lara Wilde
–

http://www.radiosarajevo.ba/content/view/6903/
Srebrenica u Berlinu

Foto: DW
14. godišnjica genocida u Srebrenici obilježava se i u centru Berlina performansom „Istraživanje na Leti“ kojim umjetnici žele da ukažu na odgovornost Evrope i svijeta za najveći masakar nakon Drugog svjetskog rata.
Riječ je o pozorišnom djelu u kojem četiri njemačka glumca preko megafona prozivaju imena UN-ovih generala i čitaju protokol kriznog štaba kojim je spriječeno bombardovanje srpskih vojnih pozicija i time omogućen genocid nad više od 8.000 srebreničkih Bošnjaka.
Istraživanje na „Špre“
Performans “Istraživanje na Leti” posjećaju Bošnjaci u dijaspori, ali i zainteresovani Nijemci i turisti. A koliko uopšte Nijemci znaju o ratu u Bosni i genocidu u Srebrenici? Pogotovo mlađe generacije u Njemačkoj, ne znaju mnogo o ratu u Bosni, a još manje o genocidu u Srebrenici. Potvrđuje to i Wiebke Burutzki, mlada studentkinja istorije.
“Znala sam da traje rat negdje u Evropi, relativno blizu nas, ali šta se tamo tačno dešava, moram priznati, nisam pratila. Prilično kasno sam počela da istražujem tu temu.”
Povod za istraživanje teme bio joj je, kaže, poznanik, koji je i sam zbog ratnog vihora izbjegao iz Srebrenice. Slična priča je i ona Jenny Evert koja je o ratu u Bosni saznala tek onda kada je u razred došla nova učenica, izbjeglica iz Bosne.
“Sjećam se da je išla sa nama na ekskurziju, dvije nedjelje nakon što je došla u razred. Nije znala njemački, i ona je u neku ruku bila povod za česte razgovore o ratu u Bosni koje sam vodila kod kuće sa roditeljima.“
“Mislio sam de ja Srebrenica medijska propaganda.”
O ratu u Bosni, Andre Leiphold saznao je, kaže, iz medija i preko konferencija za štampu.
“U tom periodu punili su nam uši informacijama da se tamo ne dešava samo masakar, već i genocid nad jednim narodom. Mislio sam da su to pretjerivanja, da je situacija u datom trenutku previše histerična. Problem je u tome što smo tek godinama kasnije saznali, da je zaista izvršen genocid.”
Daniel Crhetien je jedan od četiri glumca koji učestvuje u performansu. O genocidu u Srebrenici kaže:
“Znao sam da je postojao, ali se nisam bavio tom temom. Tek sada, u ova tri do četiri dana, pokušao sam da se uživim u tu situaciju.”
Inicijator ideje o performansu s težištem na genocid u Srebrenici bio je Philipp Ruch iz Centra za političku ljepotu, udruženja berlinskih umjetnika koji različitim akcijama pokušavaju da spoje pragmatiku politike sa ljepotom umjetnosti. I njegovo iskustvo pokazuje, kaže, Njemci ne znaju mnogo o dešavanjima u Bosni.
“Oni su jednostavno zatvorili oči. Srebrenica je za njih bila močvara, u kojoj se ništa ne dešava i gdje ne žive ljudi.”
Bratstvo i jedinstvo???
A dugogodišnji aktivista Centra za političku ljepotu je i Filip Piskačev koji je za vrijeme rata u Bosni živio u Makedoniji. Još se sjeća, kaže, slika izgladnjelih i izmučenih mladih ljudi u Bosni, koji su ga podsjećali na žrtve Aušvica i Buchenwalda iz dokumentarnih filmova i istorijskih knjiga.
“To se već jednom sve dešavalo, i prosto nisam mogao da vjerujem, da se samo nekoliko brežuljaka dalje od nas, ponovo isto dešava. Nisam mogao vjerovati da je do juče vladalo bratsvo i jedinstvo, a odjednom vlada rat.”
Aktionskünstler inszenieren Versagen des UN-Krisenstabes 1995 (Presseerklärung)
Link zur Pressemitteilung der Gesellschaft für bedrohte Völker: http://www.gfbv.de/pressemit.php?id=1909
IN ENGLISH: http://www.gfbv.it/2c-stampa/2009/090709en.html
Gedenken an die 8.376 Opfer von Srebrenica
Aktionskünstler inszenieren Versagen des UN-Krisenstabes 1995 – GfbV erinnert an Ablehnung einer rettenden Intervention in Bosnien durch CDU/CSU, SPD, FDP, GRÜNE und PDS
(Foto: Lara Wilde)
Berlin, 09. Juli 2009
Zum Gedenken an die mindestens 8.376 Opfer von Srebrenica inszeniert der Aktionskünstler Philipp Ruch vom „Zentrum für Politische Schönheit“ vor dem Brandenburger Tor in Berlin vom 8.-10.07.2009 täglich um 20.00 Uhr die Sitzung des Krisenstabes der Vereinten Nationen vom 10. Juli 1995. Damals wurde beschlossen, die UN-Schutzzone Srebrenica im Osten Bosniens widerstandslos den serbischen Truppen zu überlassen und keine UN-Truppen zur Verteidigung der eingeschlossenen bosnischen Stadt einzusetzen.
Während der abschließenden Gedenkveranstaltung am Samstag (11.7.), dem Jahrestag des Falls von Srebrenica, um 12 Uhr vor dem Reichstagsgebäude werden Unterstützer der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und bosnische Überlebende des Völkermordes ein 60 Meter langes Transparent mit den Namen der Ermordeten halten. Gleichzeitig wird die GfbV daran erinnern, dass sich alle deutschen Parteien geweigert haben, einer Intervention zur Beendigung des Völkermordes zuzustimmen. Deshalb mussten die Einwohner der europäischen Olympiastadt Sarajevo vier Jahre lang ertragen, dass sie täglich bombardiert wurden. Zehntausende weibliche Gefangene durchlitten in serbischen Vergewaltigungslager unerträgliche Misshandlungen. Die serbischen Konzentrations- und Internierungslager mit mehr als 200.000 Insassen wurden nicht gewaltsam geöffnet. Seit Kriegsbeginn hatten insbesondere die britische und die französische Regierung die Politik der Serbenführer Radovan Karadzic, Ratko Mladic und Slobodan Milosevic unterstützt.
Die gemeinsame Gedenkveranstaltung des „Zentrums“ und der GfbV wird vom Islamischen Kulturzentrum der Bosniaken (IKB), dem ZZI (Kultur- und Wissenschaftsnetzwerk) und Südost Europa Kultur e.V. unterstützt. Die GfbV hat alle Bundesvorstände der genannten Parteien gebeten, während der Gedenkveranstaltung zu sprechen.
Aktionen zum Gedenken an Srebrenica in Berlin 2009:
8.07.2009:
20h: Aufführung in Anwesenheit des bosnischen Botschafters,
Brandenburger Tor (Mittelinsel Pariser Platz)
9.7. und 10.7.
20h: Aufführung vor dem Brandenburger Tor
11.7., 12h: Aufführung vor dem Deutschen Bundestag und abschließende Gedenkveranstaltung (Scheidemannstr., Höhe Simsonweg)

Wettervorhersage (Nachtgedanken 3)

Eine schlichte Wettervorhersage weist den Weg zu unserer neusten Aktion: Temperaturen zwischen 23 und 27 Grad, sonnig, mit Niederschlägen. Windstille. Wetter wie an jedem anderen Ort der Welt. Wäre da nicht der Name der Stadt, den man beinahe überlesen könnte: „Srebrenica“.
Srebrenica war eine Stadt wie jede andere, bis sie 1992 der Krieg umstellte. Die meisten kämpften, wie David Rohde in Die letzten Tage von Srebrenica schreibt, „um ihr Dorf, ihr Haus und ihre Familie zu verteidigen, nicht für das Ideal eines unabhängigen Bosnien.“ – Noch nicht einmal, ist man geneigt, hinzuzufügen.
Die Fraktion der Grünen hat im Europäischen Parlament am 9. Januar 2009 einen Entschließungsantrag zu Srebrenica eingereicht, der in seinen Buchstaben A bis J kein Blatt vor den Mund und stattdessen in bewundernswert angemessenem Tonfall die Schrecken von einst skizziert. Beispiel:
B. in der Erwägung, dass am 13., 14., 15., 16., 17. und 18. Juli mehr als 8000 Männer niedergemetzelt und an die 25000 Frauen, Kinder und alte Menschen zwangsverschleppt wurden,
C. in der Erwägung, dass sich diese Tragödie, die vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) als Völkermord bezeichnet wurde, in einem von den Vereinten Nationen zur Schutzzone erklärten Gebiet abspielte und sie somit das Unvermögen der internationalen Gemeinschaft symbolisiert, in den Konflikt einzugreifen und die Zivilbevölkerung zu schützen,
D. in der Erwägung, dass die bosnisch-serbischen Truppen durch die an der Zivilbevölkerung von Srebrenica begangenen Verbrechen – darunter die Verschleppung von Tausenden Frauen, Kindern und alten Menschen und Massenvergewaltigungen – in vielfacher Hinsicht gegen die Genfer Konvention verstoßen haben,
Ziffer „1“ fordert daraufhin:
ist der Auffassung, dass das Massaker, das 1995 in Srebrenica angerichtet wurde, eine für immer offene Wunde in der europäischen Geschichte darstellt, die nicht in Vergessenheit geraten darf, damit so etwas nie wieder geschieht
Damit so etwas nie wieder geschieht. – Aber wie viele Menschen wissen eigentlich von den Ereignissen in der Schutzzone? Wie viele wissen darum, dass 40 NATO-Kampfjets einsatzbereit über der Adria kreisten? Dass die Stadt tagelang von Panzern und Mehrfachraketenwerfern beschossen wurde?
Warum werden 40 Flugzeuge auf den Boden zurückgeholt, wenn sie doch eine UN-Schutzzone verteidigen könnten?
Es ist klar, dass es auf diese Frage keine einfache Antwort geben kann. Deshalb sind wir auf einen anderen Gedanken verfallen: wir führen kurzerhand das Gespräch des Krisenstabes vor dem Brandenburger Tor auf. Unsere Zuschauer sollen sich selbst ein Bild machen, was in einem solchen Moment im UN-Hauptquartier in Zagreb diskutiert wird.
Solange man nicht weiß, kann man nicht vergessen. Deshalb müssen wir zunächst das Wissen aus der Tiefe bergen, von dem die Politiker sagen, dass es nicht vergessen werden darf. Damit so etwas nie wieder geschieht. – Aber wir haben neben dem Wissen noch einige merkwürdige Gegenstände geborgen, die wir vor das Brandenburger Tor legen werden.
Ein Totalversagen der politischen Willenskräfte (Nachtgedanken 2)
Auf-klärung durch Bergungsarbeit.

Dieses Bild zeigt den Himmel über Lethe, der bald eine prominente Rolle spielen wird.
Lethe ist pechschwarz. Lethe war einst gefürchtet. Gegenstände, die man aus Lethe barg, wurden desto klarer, je näher sie kamen; Heraufklärung.
Wir waschen uns in einem anderen Fluss: Mnemosyne. Nirgends fliesst Lethe so reißend wie hier.
Gestern um 23.54 Uhr wurde das Drehbuch zum „Aufklärungsfilm“ fertig. Er wird das Herzstück auf dem Weg in die Aktion. Seit heute sitzt ein 15köpfiger Bergungstrupp an der Realisierung des Films. Darunter eine der renommiertesten Effektschmieden Berlins. Es gibt sie noch, die Unternehmen mit Non-Profit-Kontingenten.
Dank des großartigen Einsatzes des Holocaust Memorial Museums in Washington sind wir inzwischen an einen ungekürzten Mitschnitt der Schlüsselrede Elie Wiesels (vom 22. April 1993) gekommen. Der Seitenstrang mit Elie Wiesel beleuchtet die Facette zur Ohnmacht von Mnemosyne in der Welt. Unser herzlicher Dank richtet sich neben C. Maier (vom Holocaust Memorial Museum) an Jamie Moore, die Assistentin von Elie Wiesel, die Himmel und Erde in Bewegung gesetzt hat, um unseren Ausschnitt aufzutreiben.
Wo immer das Konzept für „Bergungsarbeiten auf Lethe“ vorgestellt wird, werden wir halb bewundernd gefragt: Warum macht Ihr das? – Neben der eindrücklichen Antwort, die Elie Wiesel im dritten Trailer zur Aktion gibt, schießen mir diese drei durch den Kopf:
- Weil das Wissen darum Not tut.
- Weil wir ein Leuchtfeuer der Solidarität zu einem anderen Land hin errichten wollen.
- Weil der „Fall“ in vielerlei Hinsicht der Protovorfall einer politischen Katastrophe ist.
Nirgends lässt sich das Totalversagen der politischen Willenskraft besser studieren. Die menschlichen Antriebe waren die Grundfarbe aller bisherigen Arbeiten: was sind die politischen Konsequenzen aus mangelnden Antriebskräften.
Den geborgenen Gegenstand lassen wir nicht mehr in den Lethe zurücksinken. Politisches Vergessen wäre Selbstauflösung.
„The World hasn’t learned anything!“ (Nachtgedanken 1)

Wir beginnen mit einem Rätsel: wie kann einer der renommiertesten Intellektuellen sich hinstellen und behaupten, der Westen habe aus Geschichte nichts gelernt?
Die letzten Tage bestanden aus Hoffen und Bangen. Wird den Betrachtern die große Provokation in Elie Wiesels Worten aufgehen? Wir leben doch in einer Geschichts-Dauerschleife mit Hunderten von Gedenktagen jährlich. Und: nichts gelernt? Wird sich diese Frage ins Fleisch der Zuhörer schneiden?
Die wenigsten wollen dieses Fazit zu Beginn des 21. Jahrhunderts hören. Das Fazit eines Intellektuellen, der ein Leben lang versucht hat, die neuen Genozide zu verhindern. Viele kreiden die Drastik des Schlusses seinem Alter an. Aber in Wirklichkeit liegt der Fall anders: Elie Wiesel hat alle Macht, die ein Intellektueller im Westen sich wünschen kann. Er hat sie ein Leben lang darauf verwendet, Politiker bei Massen- und Völkermorden zum Intervenieren zu bewegen.
Die Rede, mit der er sich in mein Gedächtnis gebrannt hat, hielt er 1993 in Washington. Momentan suchen wir überall nach einem Originalmitschnitt. Es scheint keinen zu geben.
Wiesel hat die Intervention im Kosovo immer als gerechtfertigt gelobt. Aber er wird gesehen haben, dass wir selbst mit einer Miniintervention auf so engem Gebiet politisch bereits überfordert sind.
Wiesels Pessimismus, ob der Westen jemals lernen wird, ist mehr als angebracht und ich bin dankbar, dass der Schluss ausgerechnet von einem der anerkanntesten Intellektuellen stammt.
In der Praxis hat Elie Wiesel so gut wie nichts erreicht. Er erhält Preise über Preise. Aber politisch bleibt seine Rolle auf die Kassandras beschränkt. Wir werden diesen Part nicht zu kurz kommen lassen am 11. Juli.
Es gibt andere Teile in Elie Wiesels Reden, die man hätte montieren können. Aber mich interessiert das zeitlose Material. Ich habe versucht, die Zeit aus den Reden abzutragen. So, dass die Zeitlosigkeit zurückbleibt. Die wenigen Ausschnitte, die unsere Zuschauer jetzt zu sehen bekommen, lassen sich auf alle Fälle von Genoziden anwenden.
Auch das ist eine unerträgliche Unterstellung: die Fehler sind immer die gleichen. Aber wer wird dies noch herausspüren? In „The Perils of Indifference“ gibt es eine beeindruckende Stelle dazu:
During the darkest of times, inside the ghettoes and death camps [...] we felt abandoned, forgotten. All of us did. And our only miserable consolation was that we believed that Auschwitz and Treblinka were closely guarded secrets; that the leaders of the free world did not know what was going on behind those black gates and barbed wire; that they had no knowledge of the war against the Jews that Hitler’s armies and their accomplices waged as part of the war against the Allies.
If they knew, we thought, surely those leaders would have moved heaven and earth to intervene. They would have spoken out with great outrage and conviction. They would have bombed the railways leading to Birkenau, just the railways, just once.
And now we knew, we learned, we discovered that the Pentagon knew, the State Department knew.
Anschlag auf den Bundestag
Artikel aus politik & kommunikation (Ausgabe 06/09)

Die 10 Thesen
Die Thesen, mit denen wir am 8. Mai 2009 einen Anschlag auf den Reichstag verübt haben, verdienen genaueres Studium von all jenen, die auf der Suche nach „Erklärungen“ sind. Wir stecken zwar in der ersten Projektphase. Aber alle Thesen werden von und in unseren Aktionen aufgenommen werden. Sie stehen keineswegs – in keiner Form! – zufällig. Mit jeder könnten wir Bücher füllen:

Mehr zum Thesen-Anschlag gibt es hier: http://politicalbeauty.de/reformation/
Europawahlen, 7. Juni 2009
Die politische Melancholie Deutschlands in der Wahlkabine der Kanzlerin, sie war auf allen wichtigen Kanälen zu sehen. Hier bei RTL aktuell (18.45 Uhr) und in einer Ausgabe der Tagesschau (17 Uhr):
Tagesschau vom 7. Juni 2009: http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts12558.html
Hier gehts zur Fotodokumentation der Aktion: http://politicalbeauty.de/center/Der_Kontinent_der_Melancholie.html
„Keine Schönheit in Deutschland“
Festnahme vor dem Reichstag wegen Gedichtlesung
Link zum Artikel: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=13829
Von Gerrit Wustmann
Gerrit Wustmann führte ein Gespräch mit dem Aktionskünstler Philipp Ruch

Die Aktionskünstler mit neuer Zielgruppe
Haben Sie vor der Aktion mit der Gefahr der Festnahme gerechnet oder traf Sie das Ereignis unverhofft?
Ruch: Wir haben nicht mit einer Festnahme gerechnet. Zumal wir eine Woche zuvor mit Pferd vor den Bundestag geritten sind, um zehn Thesen im Namen der Schönheit ans Hauptportal anzuschlagen. Wenn wir einmal als Gruppe von Aktionskünstlern wahrgenommen werden, warum sollten wir dann für das Rezitieren eines Gedichtes verhaftet werden?
Welche Reaktionen zeigten die Passanten am Samstag?
Die fanden das mutig und waren teilweise stark begeistert. Nach der Aktion diskutierte eine Gruppe von über 50jährigen deutlich hörbar mit der Polizei. Die wollten uns schützen. Wir wollten eigentlich junge Menschen erreichen und für Politik inspirieren. Jetzt müssen wir aber zur Kenntnis nehmen, dass wir vor allem eine ältere Generation verzaubern und zum Eingreifen bewegen.
Wie argumentierte die Polizei?
Die Beamten wollten zunächst wissen, was wir vorhaben. Wir erklärten den genauen Ablauf der Aktion. Es wurde viel hin und her gefunkt. Schließlich kam die offizielle Genehmigung: Es sei uns gestattet, eine Aubade für Horst Köhler vorzutragen. Nachdem wir mit dem Gedicht für Horst Köhler fertig waren, stürmten aufgebrachte Polizisten auf uns zu und erklärten die Aktion für beendet. Das Gedicht habe „meinungsäußernde Inhalte“ enthalten.
Dabei blieb es aber nicht. Die Beamten erhielten ständig neue Anweisungen und waren selbst etwas irritiert: Zunächst sollten sie unsere Personalien feststellen. Als wir zusammenpackten, kam eine Planänderung: wir würden mit sofortiger Wirkung der Bannmeile verwiesen. Auch das nahmen wir hin. Wenige Minuten später hieß es: Strafanzeigen gegen uns alle. Als wir die Beamten darauf hinwiesen, dass sie selbst das Gedicht abgesegnet hatten, reagierten sie sehr aufgebracht. In sichtlicher Hilflosigkeit hieß es – offenbar wieder von oben „Festnahme“.
Ergeben sich für Sie weitere Konsequenzen?
Die Beamten meinten, es werde Strafanzeige gegen alle Beteiligten gestellt. Sogar ein Fotograf aus Wien, der das ganze dokumentiert hatte, wurde unserer Gruppe zugeschlagen. Ich freue mich auf den Staatsanwalt, wenn es darum geht, Ernst Stadlers Gedicht „An die Schönheit“ zu interpretieren. Lange ist es her, dass Verse im Gerichtssaal ausgelegt werden mussten. Wenn wir so weitermachen, sind wir als Think Tank mit unserer Agenda für Schönheit bald durch in diesem Land.
Fürchten Sie einen Kulturverlust im Land, wenn Kunst als solche nicht mehr wahrgenommen oder gar für gefährlich gehalten wird?
Unser Schicksal ist doch irgendwie symptomatisch: Die bloße Nennung des Wortes Schönheit erregt bereits Misstrauen. Offenbar ist nichts dabei, für Kurt Beck stundenlang vor einem Einkaufscenter zu stehen und Zettel zu verteilen.
Hätten wir gesagt, wir seien für mehr „Diskurs“, hätte man uns einzuordnen gewusst. Wir kämpfen ja gerade darum, dass man „Schönheit“ im politischen Wollen eines Landes einzuordnen weiß. In diesem Sinne rechnen wir mit Missverständnissen. Dass man beim Einstrahlen von Poesie in die Politik aber gleich mit Strafanzeigen rechnen muss, hätten wir nicht zu träumen gewagt. Aber irgendwie verrät es doch etwas über die emotionale Verfassung, in der wir als Gesellschaft leben.
Selbst unser Geschenk für Horst Köhler wurde für eine Meinungsäußerung gehalten. Wir wollten Horst Köhler im Rahmen unserer Aktion „1 Gedicht/Tag“ für seine Verdienste um die öffentliche Bewusstmachung Afrikas ein Bild schenken. Wenige Politiker reden derart demonstrativ über Afrika. Wenigen ist klar, in welchem Reichtum die westliche Zivilisation lebt, während wir noch nicht einmal den Willen aufbringen, Flüchtlinge aus Afrika vor dem Ertrinken zu retten. Das wäre im Übrigen ganz einfach. Wir haben als Interimslösung im Seerosenprojekt Tausend fest verankerte Flosse über das Mittelmeer verstreut vorgeschlagen. Es gab einen Politiker, der ernsthaft sagte: „Wissen Sie, was das kostet?“ Wir: „Wissen Sie, was es kostet, einen Menschen ertrinken zu lassen?“
Rechtliche Fragen zur Aktionskunst
Aus dem Blog von OFF-Kultur: http://www.berlin-off.de/2009/05/24/zentrum-fur-politische-schonheit-zpk-beim-rezitieren-eines-gedichts-im-offentlichen-raum-festgenommen/#more-355

„Zum 60. Jahrestag der Bundesrepublik ist es endlich wieder soweit“, schreibt das ZPS in einer Pressemeldung, „für das Rezitieren von Gedichten kann man verhaftet werden.“ Das Zentrum für Politische Schönheit ist ein Think Tank für Aktionskunst (und demnächst eine Partei). Es kämpft für mehr Schönheit in der Politik.
Kunst als Aktion im Öffentlichen Raum oder überhaupt die Nutzung des Öffentlichen Raums ist hierzulande kein einfaches Unterfangen mehr. Denn hier wird von der Polizei meistens unterstellt, es handele sich um eine nicht-angemeldete Demonstration, was ein Straftatsbestand ist. Politische Aussagen und damit gemeinhin Handlungen im Öffentlichen Raum bedürfen nämlich immer einer Anmeldung und einer Genehmigung. Daher kann der öffentliche Raum in der aktuellen Gesetzeslage eigentlich nur zur Fortbewegung, zur Werbung und zu privaten Aufenthalten genutzt werden. Eine spezielle Gefahrenzone sind offzielle Gebäude, weil sonst leicht der Verdacht entstehen könnte, man würde sich über diese und die Organe und Personen, die sie beherbergen, also zum Beispiel den demokratisch gewählten Bundespräsidenten Horst Köhler, lustig machen. Und da ist Schluß mit der Komik und auch mit dem Grundrecht auf Kunstfreiheit. Das ist natürlich schwierig, denn eine aktuelle Studie ergab, dass sich die Kunstschaffenden mehr öffentliche Aktionsformen in ihrer Arbeit wieder für notwendig halten.
„Rechtsstaat gegen Schönheit?“

Link zum Telepolis-Artikel: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30401/1.html

Am Wahltag wollten Aktionskünstler dem Bundespräsidenten ein Gedicht vortragen – und wurden abgeführt. „Wir haben nicht mit einer Festnahme gerechnet. Zumal wir eine Woche zuvor mit Pferd vor den Bundestag geritten sind, um 10 Thesen im Namen der Schönheit ans Hauptportal anzuschlagen. Wenn wir einmal als Gruppe von Aktionskünstlern wahrgenommen werden, warum sollten wir dann für das Rezitieren eines Gedichtes verhaftet werden?“, fragt Philipp Ruch, Initiator der Aktion am vergangenen Sonntag.
Ruch ist Mitglied der Aktionskünstlergruppe Zentrum für politische Schönheit, die als Partei auch zur Bundestagswahl im September antreten will. In der vergangenen Woche hatten Mitglieder der Gruppe, angelehnt an Martin Luther, ihre 10 Schönheisthesen vor dem Berliner Reichstag ausgerufen. Die Presse hatte das Ereignis mit Ver- und Bewunderung aufgenommen – wohl mehr aufgrund der originellen Idee und Umsetzung als aufgrund der politischen Schlagkraft der Thesen, die kaum jemand hinter dem Ofen hervorlocken dürfte. Eine der Parolen lautet: „Wenn man das Wort ‘Schönheit’ gegen das Wort ‘Politik’ schlägt, erzeugt man den Funken für eine Revolution.“
Nina und Ruch van Bergen beim Verlesen des Gedichtes. Bild: Zentrum für politische Schönheit
Als Ruch und seine Kollegin Nina van Bergen am Sonntag nach Verkündigung des Wahlausganges Bundespräsident Horst Köhler per Gedichtlesung gratulieren wollten, schritt die Polizei ein. „Die Beamten wollten zunächst wissen, was wir vorhaben. Wir erklärten den genauen Ablauf der Aktion. Es wurde viel hin und her gefunkt. Schließlich kam die offizielle Genehmigung: es sei uns gestattet, eine Aubade für Horst Köhler vorzutragen“, so Ruch. Sie verlasen das Gedicht An die Schönheit des im ersten Weltkrieg von einer Granate getöteten Expressionisten Ernst Stadler.
„Nachdem wir mit dem Gedicht für Horst Köhler fertig waren, stürmten aufgebrachte Polizisten auf uns zu und erklärten die Aktion für beendet. Das Gedicht habe „meinungsäußernde Inhalte“ enthalten.“
Eine Gruppe Passanten, so Ruch, sei ihm und seiner Kollegin beigesprungen und habe mit den Polizisten zu diskutieren versucht, deren Schulbildung sie für einen derartigen Einsatz offenbar nicht ausreichend gewappnet habe.
„Wenige Minuten später hieß es: Strafanzeigen gegen uns alle. Als wir die Beamten darauf hinwiesen, dass sie selbst das Gedicht abgesegnet hatten, reagierten sie sehr aufgebracht. In sichtlicher Hilflosigkeit hieß es – offenbar wieder von oben: Festnahme“, erzählt Ruch und lässt dabei ein Schlagwort fallen: Hilflosigkeit. Das Schema kennt man aus Diktaturen. Auch dort wurden und werden Kunst und Künstler repressiv behandelt, eben weil die Staatsführung Angst vor unentdeckten politischen Botschaften hat. Dass Ähnliches nun in der Demokratie Deutschland, 60 Jahre nach ihrer Gründung, geschieht, rückt die ganze Aktion in ein Licht, in dem sie nie geplant war. Was als origineller Gruß gedacht war, wird zum Politikum, was wiederum den Künstlern erst die gewünschte Aufmerksamkeit bringt.
Laut Ruch hätten die Beamten angekündigt, dass gegen die Gruppe Strafanzeige ergehen werde. „Ich freue mich auf den Staatsanwalt, wenn es darum geht, Ernst Stadlers Gedicht „An die Schönheit“ zu interpretieren. Lange ist es her, dass Verse im Gerichtssaal ausgelegt werden mussten.“
„Das Leben ist schön, Politik auch“
Artikel aus jetzt.de, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung
Link zum Artikel: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/476552
Text: philipp-mattheis Fotos: www.politicalbeauty.de

Am 8. Mai, dem Jahrestag der Kapitulation Hitler-Deutschlands, ritt ein junger Mann auf einem Pferd zum Reichstag und schlug zehn Thesen an die Tür. Darin standen Sätze wie „Hoffnungen sind nicht dazu da, aufgegeben zu werden“ oder „In jedem Menschen steckt eine tiefreichende Sehnsucht nach dem Schönen“. Anschließend vereidigte er die Wartenden als „Helden“. Knapp zwei Wochen später, am 25. Mai, tauchte die Gruppe, die sich Zentrum für politische Schönheit nennt, wieder vor dem Bundestag auf und verlas ein Gedicht. Die Beamten hielten die Aktion für eine Demonstration und stellten gegen alle Beteiligten Strafanzeige.
Philipp Ruch, 28, hat den offiziellen Titel „Chefunterhändler der Schönheit“ und ist so etwas wie der Pressesprecher des Zentrums für politische Schönheit.
jetzt.de: Ihr seht eher aus wie Models als wie Politiker. Ist das Teil des Konzepts?
Philipp Ruch:Alle Interessen sind in Deutschland organisiert. Jetzt auch das Interesse an Größe und Schönheit. Schönheit als Begriff ist so gut wie ausgestorben. Es gibt nur noch einen Ahnungsrest. Die meisten verstehen unter „Schönheit“ Laufstegschönheit. Wir sind der Meinung, dass es so etwas wie politische Schönheit gibt und geben muss.
Am 8. Mai habt ihr zehn Thesen an den Bundestag genagelt. In einer hieß es: „Ohne das Erlebnis von Schönheit sind die menschlichen Erfahrungen unvollständig“. Schönheit hat viel mit dem subjektiven Empfinden zu tun. Was bedeutet sie für euch?
Der Auslöser von Schönheit mag subjektiv sein. Das Gefühl von Schönheit kennen alle Menschen. Jeder vermag Schönheit zu empfinden und die, die es nicht kennen, leben verdammt traurig.
Sollte Politik nicht vor allem sinnvoll und nützlich sein? Warum nun auch noch schön?
Wenn wir wollen, dass Menschen ernsthaft am politischen Leben teilhaben, muss Politik inspirieren und anziehen. Das geht nicht ohne poetische Kräfte.
Zur Wahl des Bundestagspräsidenten habt ihr das Gedicht “An die Schönheit” von Ernst Stadler rezitiert. Gegen euch wurde dann Strafanzeige gestellt, weil die Aktion nicht als Demonstration angemeldet worden war. Meint ihr das mit Poesie?
Gedichte können Menschen besser machen. Mit Poesie in der Politik meinen wir aber große Ziele, die unsere Zeit überdauern. Ziele, die für etwas Episches stehen, das die Welt besser macht.
Etwas wie die „Obamania“?
Keinen Personenkult, sondern so etwas wie eine Brücke von Afrika nach Europa, damit keine Flüchtlinge auf dem Weg zu uns ertrinken. Ein gutes Beispiel für einen Akt politischer Schönheit ist Ariel Scharon. Jahrelang war er als israelischer Ministerpräsident für seine harte Linie gegen die Palästinenser bekannt. Kurz vor seinem Ende leitete er den Rückzug aus Gaza ein. Scharons Entscheidung gehört mithin zum Größten, was politisch in letzter Zeit zu sehen war.
Euer Bundeskanzlerkandidat ist Bill van Bergen. Tretet ihr denn als richtige Partei zur Bundestagswahl an?
Ja. Wir suchen derzeit Menschen, die gewillt sind, darüber nachzudenken, wie man etwas unfassbar Schönes tun kann. Das sind unsere zukünftigen Mitglieder. In den bestehenden Parteien gibt es nicht einmal eine Einrichtung, die dazu da ist, „herumzuspinnen“. Wir haben einerseits eine Denkfabrik gegründet, andererseits eine Partei, die für diese Entwürfe politischen Druck erzeugt. Wir brauchen größere, schönere und mutigere Visionen dessen, was wir als Gesellschaft erreichen wollen. Mutigeres als die Abwrackprämie.
Wie viele Leute seid ihr denn momentan?
Wir bestehen aus einem künstlerische Kernteam von sieben Leuten. Und wir haben derzeit 30 Partei- und Thinktank-Mitglieder. Die Polizei hielt die Aktion für eine nicht angemeldete Demonstration und erstatte Strafanzeige
Seid ihr Kapitalismuskritiker?
Nein. Wir glauben, dass sich die radikallinken Ideologen irren. Der Begriff „Kapitalismus“ ist eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts. Marx selbst sprach nur vom „Kapital“. Der Vorgängerbegriff zum „Kapitalismus“ lautete: „Handel“. Es sollte jenen Ideologen zu denken geben, dass sich in 2500 Jahren Ideengeschichte kein einziger der großen politischen Philosophen gegen „Handel“ ausgesprochen hat.
Globalisierungskritiker sind auch nicht gegen Handel, sie fordern nur einen faireren Handel…
Die Vermeidung von Unrecht ist notwendig und schön. Die Wirtschaft quellt über vor Unrecht. Aber wenn man etwas in Frage stellen will, dann nicht das System, sondern den Menschen. Prinzipiell ist Handel etwas, das alle Beteiligten reicher machen kann. Wir handeln im Übrigen mit der Schönheit.
Auf eurer Website steht: „Die westliche Wirklichkeit besteht nicht aus Ideologie, Propaganda oder Theorien. Unsere Wirklichkeit zeichnet sich gerade durch ihre Abwesenheit aus.“ Habt ihr Sehnsucht nach einer neuen Ideologie?
Ja. Wir beklagen das Fehlen von geistiger Orientierung. Wir leben in einem geistig uninspirierten Vakuum. Aber nicht, weil dieses Vakuum nicht zu füllen wäre, sondern weil wir keinen Blick in die großen Bücher wagen. Orientierungsmöglichkeiten gibt es genug, es fehlt an Reiseführern.
Euch geht es also eher um die Begeisterungsfähigkeit?
Wir wollen tatsächlich junge Menschen zu politischem Handeln inspirieren. Wir glauben, dass das nur über eine glaubwürdige Quelle wie die Poesie wirklich funktioniert. Jedes Jahr werden Millionen investiert, um junge Menschen für die Politik zu begeistern. Aber man begeistert nicht durch Fördergelder, sondern durch Visionen und Ziele. Auch die Politik kommt um gewisse Anforderungen nicht vorbei. Wenn sie überzeugen will, muss sie episch werden. Dann brauchen wir den Willen zu epochalen Leistungen.
Wer bei euch Mitglied werden will, muss pro Jahr eine Ideenskizze einreichen. Was meint ihr damit?
Wir verlangen keinen monetären Beitrag, sondern einen politischen Interventionsbeitrag. Wir verstehen uns als Organisatoren von Schönheit und Größe. Das bedeutet, dass wir wirklich auf Mitglieder angewiesen sind.











Einen Kommentar schreiben